
Band 2 der Reihe Eifel-Protokoll
Blindlast
Ein Eifel-Krimi von Falk Rendel
In der Eifel stirbt eine Frau in einer Sturmnacht. Niemand hat sie angerührt. Und genau das ist das Verbrechen.
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Ein Jahr nach dem Fall Aurevon glaubt Kriminalhauptkommissarin Nora Caspers, ihr Leben wieder in der Hand zu haben: der Vater versorgt, der Ort auf Abstand, die Arbeit ruhig. Dann stürzt eine Talsperren-Ingenieurin nachts von der Mauerkrone, eine Woche bevor sie die Eifel für immer verlassen wollte, wenige Wochen bevor sie in Aachen aussagen soll. Ein demontiertes Geländer. Eine abgesagte Fahrt. Ein Rückruf von einer vertrauten Nummer. Jede Einzelheit für sich ist ein Zufall. Die Akte schließt sauber.
Caspers glaubt Akten nicht, die sich so glatt erzählen. Was sie findet, ist kein einzelner Täter, sondern ein Muster: Dutzende kleine, jede für sich vollkommen legale Handgriffe, ausgeführt von Menschen, die nichts Böses wollten, angeordnet von einem System, das nur eine Zahl kleiner rechnen soll. Und als sie dem Muster zu nahe kommt, ordnet dieselbe Rechnung die Handgriffe neu, diesmal um ihren Vater herum.
Band 2 der Reihe »Eifel-Protokoll«. Ein eigenständiger Fall, ohne Vorkenntnisse lesbar, am besten nach »Kühle Rechnung«.
- Taschenbuch
- 362 Seiten, ISBN 978-3-912974-03-4
- E-Book
- ISBN 978-3-912974-04-1
- Verlag
- Plexito UG (haftungsbeschränkt)
- Erscheint
- in Kürze
Leseprobe
1 Eine Woche noch
Der Regen kam waagerecht über die Krone. Die Leuchten waren aus, so stand es im Auftrag, Freitag bis Montag, und am Nachmittag hatten zwei Männer den alten Handlauf abgeschraubt, Schraube für Schraube. Jetzt standen nur noch die Pfosten da. Dazwischen liefen zwei Bänder, eines auf Kniehöhe, eines auf Hüfthöhe, und an den Bändern hing Reflexfolie, die im Kegel der Stirnlampe aufblitzte und wieder erlosch.
Die Stimme im Ohr war ruhig und musste gegen den Wind kaum anreden.
„Bleiben Sie an der Mauerwand.“
Links die Mauerwand. Rechts das Band. In der Innentasche das Buch. Unter den Sohlen die Fugen, eine nach der anderen, dieselben wie an jedem Morgen. Tief in der Mauer lief der Ablass, kein Geräusch, eher ein Zittern, das durch die Schuhe heraufkam.
Der Wind kam in Stößen. In einer Pause schlug vorn etwas gegen den Beton, ein loses Ende, weiß, dann schwarz, dann wieder weiß.
Dann die Böe, von der Seite, und mit ihr stieg die Gischt vom Mauerfuß herauf. Die rechte Hand griff dorthin, wo der Handlauf immer gewesen war. Das Band legte sich gegen den Arm und gab nach.
Ein heller Bogen im Regen. Dann Wasser.
Im Ohr sprach die Stimme weiter, ruhig und deutlich, ohne Eile.
„Ich bleibe auf der Leitung.“
Das Taschenmesser nahm dem Bleistift zwei Späne ab, einen dritten für die Spitze, dann trug Katja Reinartz die erste Zahl des Tages ins Betriebsbuch ein. Sickerwasser, Messstelle am linken Hang, sechs Uhr fünfzig. Die Zahl war beinahe dieselbe wie gestern, und gestern beinahe dieselbe wie vorgestern. Eine langweilige Zahl. Sie mochte langweilige Zahlen. Aufregende Zahlen bedeuteten an einer Staumauer, dass irgendwer seine Arbeit nicht gemacht hatte, und meistens war irgendwer: sie.
Sie schrieb mit Handschuhen, aus denen sie die Kuppen von Daumen und Zeigefinger geschnitten hatte, und sie schrieb mit Bleistift, weil Kugelschreiber beim ersten Frost aussetzten und Tinte im Regen verlief. Ein Bleistift schrieb bei jedem Wetter. Das hatte ihr der Betriebsmeister beigebracht, zusammen mit dem Satz, den sie bis heute für den klügsten ihrer Ausbildung hielt: Das Leitsystem misst. Du siehst nach. Das ist nicht dasselbe.
Das Leitsystem hatte die Zahl längst. Es hatte sie seit halb fünf, auf drei Stellen hinter dem Komma, sauber in der Zentrale abgelegt, und wenn Reinartz morgen nicht mehr käme, und übermorgen nicht, und nie wieder, dann hätte das Leitsystem weiter alle Zahlen und würde nichts vermissen. Sie schrieb trotzdem. Wer mit der Hand schrieb, sah einmal wirklich hin. Einer aus der Zentrale hatte vor Jahren vorgeschlagen, das Buch einscannen zu lassen, fürs Archiv, dann sei es wenigstens gesichert. Sie hatte genickt. Es gab Vorschläge, zu denen man nur nicken konnte.
Auf der Krone war es still um diese Zeit. Wasserseitig lag der Urftsee grau und glatt bis an die Hänge, talseitig stand der Nebel bis auf halbe Höhe der Mauer, als hätte ihn jemand eingefüllt, und unten darin, unsichtbar, lag der Obersee, als ginge ihn das alles nichts an. Auf dem Geländer lag Reif. Wo Reinartz im Vorbeigehen die Hand aufgelegt hatte, blieb ein dunkler Streifen zurück, eine Handbreit blankes Metall in dem weißen Belag, und hinter ihr, in Abständen, die dunklen Flecken aller Handgriffe dieses Morgens.
Sie ging die Krone ab, wie sie sie seit sechsundzwanzig Jahren abging. Ihr Arbeitsplatz war ein Bauwerk, das älter war als jeder, der heute daran arbeitete, älter als der Verband, und es hatte etwas Beruhigendes, an etwas zu arbeiten, das einen so zuverlässig überdauern würde. Sie kannte die Krone, wie man den Flur einer Wohnung kennt, in der man lange lebt. Sie wusste, wo die Fugen breiter wurden und wo das Wasser nach Regen stehen blieb, an welchem Abschnitt das Geländer nachmittags Sonne bekam, und die Tiefe zur Talseite hin war ihr so vertraut und gleichgültig wie dem Dachdecker der First. Wer hier oben arbeitete, dachte nicht an die Tiefe. Man dachte an die Messwerte und daran, dass die Thermoskanne im Betriebsgebäude stand.
Am Ende des Kontrollgangs blieb sie stehen, den Rücken zum See, und sah das Tal hinunter, wo der Nebel sich schon lichtete. Noch acht Tage würde sie das hier tun. Freitag in einer Woche war ihr letzter Arbeitstag, am Ersten fing sie an einem großen Fluss neu an.
Der Anfang des ersten Kapitels. Das Buch erscheint in Kürze. Bescheid bekommen, wenn es erscheint