
Band 1 der Reihe Eifel-Protokoll
Kühle Rechnung
Ein Eifel-Krimi von Falk Rendel
Eine Tote im Urftsee. Eine korrekte Bilanz. Und eine Stunde, die darin verschwunden ist.
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November in der Eifel. In einer flachen Bucht des Urftsees liegt eine Frau im Wasser, und alles spricht für einen Unfall. Kriminalhauptkommissarin Nora Caspers, nach zwanzig Jahren Berlin zurück in ihrer Heimat, kennt diesen See seit ihrer Kindheit. Die Erklärung ist ihr zu glatt.
Marie Lindner war Umweltingenieurin. Sie hat das Kühlwasser des neuen Rechenzentrums über dem Tal vermessen und wurde dafür als Aktivistin abgetan. In der Nacht ihres Todes registrierte der Prüfzähler des Wasserverbands einen harten Rücklauf. Im Tagesbericht steht davon nichts: Die erlaubte Gesamtmenge stimmt. Nur ihr Verlauf nicht.
Aurevon versichert, der Betrieb habe alle Grenzwerte eingehalten. Erik Mahler hat RHEIA mitentwickelt, das lernende System, das die Kühlung steuert. Er kann den Puls erklären. Warum er in der Zusammenfassung verschwindet, macht ihm mehr Angst. Während Nora nach Verantwortlichen sucht, werden aus Auskünften Anwaltsschreiben. Und Mahler verliert den Zugang zu seiner eigenen Anlage.
Die Herkunft seines Datenexports lässt sich nur an einem Gerät prüfen: einem Logger über dem Ostauslass, mitten im laufenden Betrieb. Sein Speicher überschreibt sich nach ungefähr fünfunddreißig Tagen. Marie ist seit vierunddreißig Tagen tot.
Ein Eifel-Krimi über Beweise, Verantwortung und die gefährliche Lücke zwischen einer richtigen Summe und der Wirklichkeit.
Band 1 der Reihe »Eifel-Protokoll«.
- Taschenbuch
- 312 Seiten, ISBN 978-3-912974-00-3
- E-Book
- ISBN 978-3-912974-02-7
- Verlag
- Plexito UG (haftungsbeschränkt)
- Erscheint
- in Kürze
Leseprobe
1 Kaltes Wasser
Der See lag so still, dass man die Kälte sehen konnte. Dünner Nebel hing knapp über dem Wasser. Kein Wind, kein Vogel. Nur das Licht wurde langsam grau hinter den Hängen und machte die schwarzen Fichten oben am Grat sichtbar, eine nach der anderen.
Nora Caspers stand am Ende des Stegs und zählte die Boote.
Sieben. Sieben Boote, mit Planen abgedeckt, für den Winter vertäut, die Planen weiß vom Reif. Sie zählte die Boote ein zweites Mal, weil das Zählen half. Es hatte immer geholfen. Als Kind hatte sie die Fenster des Bootshauses gezählt, wenn der Vater zu lange auf dem Wasser blieb. Neun Fenster, drei mal drei. Solange die Zahl stimmte, war die Welt in Ordnung. Jetzt war sie dreiundvierzig und zählte noch immer, und das Bootshaus war ein anderes, und unten im Schilf, wo der Steg über dem flachen Wasser begann, lag eine Tote.
Sie hatte den Anruf um Viertel nach sechs bekommen, zu Hause, mit der Tasse in der Hand. Eine Wasserleiche an der Urfttalsperre, hatte die Leitstelle gesagt, und das Stichwort dazu: „Ertrinken, mutmaßlich Unfall oder Suizid“. Unter diesem Stichwort wurde eine Tote im Wasser geführt, ehe jemand sie überhaupt gesehen hatte. Und erst als sie die Tasse abstellte, begriff sie, dass das ihr Fall war, dass es hier solche Fälle gab, dass sie nicht mehr in Berlin war und das hier nicht jemand anderes übernahm. Sie hatte den Vater schlafen lassen und war losgefahren, durch das dunkle Tal, die Serpentinen hinauf in den Kermeter, und auf halber Höhe war ihr der Reif auf der Straße begegnet, eine dünne weiße Schicht in den Kurven, die im Scheinwerferlicht glitzerte wie etwas Schönes.
Jetzt stand sie auf dem Steg und es war fast hell, und es war nichts Schönes mehr.
„Sie ist gegen halb sechs gefunden worden“, sagte der Ranger. Er hieß Brauweiler, er hatte sich auf dem Parkplatz vorgestellt, ein breiter Mann Ende fünfzig in der olivgrünen Jacke des Nationalparks, und er sah auf das Wasser statt auf sie, die ganze Zeit, weil dort etwas war, das man im Auge behalten musste. „Ein Spaziergänger. Einer von den paar, die hier oben schon vor Tag ihre Runde am Wasser gehen, im Winter mit Stirnlampe. Der war wie immer früh unterwegs, hat sie vom Weg aus gesehen. Der Notruf ging um fünf Uhr achtundvierzig ein.“ Er räusperte sich. „Die Leitstelle hat mich angerufen, kurz vor sechs. Liegt im Park, da rufen sie uns. Ich war als Erster da, vor der Streife. Ich wohne in Gemünd, das geht schnell.“
„Haben Sie etwas angefasst?“
„Nichts. Ich bin Jäger, Frau Caspers, ich weiß, wie man eine Fundstelle in Ruhe lässt.“ Es lag kein Trotz darin, eher Stolz, und Caspers nickte und glaubte ihm das, oder auch nicht.
Gegen halb sechs hatte der Spaziergänger die Tote gesehen, das hatte er der Leitstelle zumindest so gesagt. Um zwölf Minuten vor sechs hatte er gewählt. Achtzehn Minuten lagen zwischen Fund und Notruf, und Caspers merkte sich die Zahl, weil Zahlen, die nicht ganz aufgingen, bei ihr hängen blieben. Vielleicht hatte der Mann hier oben kein Netz gehabt, kaum jemand hatte hier oben Netz; vielleicht hatte er auch nur im Schock dagestanden, vor etwas, das er nicht sehen wollte. Die Streife hatte seine Personalien aufgenommen, das war Routine. Aber über die achtzehn Minuten wollte Caspers ihn selbst befragen, später.
Sie ging die Bohlen entlang, vorsichtig, der Reif machte das Holz glatt und sie setzte die Füße flach auf, eine alte Gewohnheit aus zwanzig Wintern an anderen Wassern. Die Spurensicherung war noch nicht da. Sie kam aus Euskirchen und brauchte ihre Zeit, und bis dahin gehörte die Tote allein Caspers, und Caspers hatte gelernt, dass das die ehrlichsten Minuten eines Falls waren, bevor aus einem Menschen ein Vorgang wurde.
Am Ufer kniete sie sich nieder. Die Knie protestierten sofort, der Boden war hart gefroren, und sie stützte sich mit einer Hand auf einen Stein, der so kalt war, dass er sich nass anfühlte.
Der Anfang des ersten Kapitels. Das Buch erscheint in Kürze. Bescheid bekommen, wenn es erscheint