Eifel-Protokoll
Cover von »Stille Reserve«, Band 3 der Reihe Eifel-Protokoll von Falk Rendel
Coverabbildung: KI-generiert

Band 3 der Reihe Eifel-Protokoll

Stille Reserve

Ein Eifel-Krimi von Falk Rendel

Ein Toter vor der Kirche eines Dorfs, in dem seit 1946 niemand mehr wohnt.

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Im Werk in Kall heißt alles, was aus dem Programm kommt, nur »die Liste«. Das Programm rechnet aus, welche Stellen wegfallen, und jede Tranche trägt Namen. An dem Morgen, an dem die zweite verkündet wird, liegt der Sanierer, der sie selbst verkünden sollte, tot vor der Kirche von Wollseifen, dem Dorf, das 1946 geräumt wurde. Auf seiner Brust liegt der Werksausweis eines Schichtführers, daneben eine Protestkarte.

Für den Kreis ist die Sache klar. Die Halle sagt, die Maschine habe ihn auf dem Gewissen. Die Mordkommission aus Bonn hat einen Verdächtigen mit Motiv und ohne Alibi. Kriminalhauptkommissarin Nora Caspers geht den Weg nach Wollseifen zu Fuß nach, mit einer Stoppuhr, und glaubt keiner der beiden Geschichten.

Denn der Tote hatte für den Morgen nach der Verkündung einen Termin. Er wollte etwas übergeben. Und wer ihn nachts in das leere Dorf bestellt hatte, wusste genau, wann dort niemand war.

Ein Fall über eine Rechnung, die rechtmäßig aufgeht, über Menschen, die aus den Zahlen fallen, und über die Frage, wer unterschreibt, wenn angeblich niemand entschieden hat.

Band 3 der Reihe »Eifel-Protokoll«. Ein eigenständiger Fall. Er nimmt den Ausgang von »Blindlast« vorweg, deshalb am besten nach »Kühle Rechnung« und »Blindlast« lesen.

Taschenbuch
414 Seiten, ISBN 978-3-912974-05-8
E-Book
ISBN 978-3-912974-06-5
Verlag
Plexito UG (haftungsbeschränkt)
Erscheint
in Kürze

Leseprobe

1 Der Fund

Der Anruf erreichte sie auf der Bundesstraße hinter Gemünd, in der langen Kurve vor Malsbenden, wo das Netz jeden Morgen für eine halbe Minute ausfiel und dann wiederkam, als wäre nichts gewesen. Die Leitstelle. Caspers war auf dem Weg nach Euskirchen, eine Besprechung um neun, Dienstplanung fürs Quartal; sie nahm über die Freisprechanlage an, hörte zu und setzte den Blinker, noch ehe der Kollege seinen zweiten Satz beendet hatte. Ein Toter in Wollseifen. An der Kirche.

Gefunden habe ihn kurz vor acht ein Fotograf aus Schleiden, der wegen des Nebels über der Hochfläche heraufgekommen sei. Herangegangen sei er nicht, er warte oben bei den Drillhäusern. Und er habe den Toten erkannt, durch das Teleobjektiv, jedenfalls meine er das. Es handele sich um Dr. Gerlach, den vom Werk.

Caspers ließ einen Milchlaster vorbei und wendete auf der leeren Gegenfahrbahn. Die Besprechung in Euskirchen würde jemand anders führen, oder niemand, und beides war in Ordnung.

Das Gesicht kannte im Kreis jeder. Dr. Martin Gerlach, siebenundfünfzig, seit dem Frühjahr Geschäftsführer auf Zeit bei Corzelius Umformtechnik in Kall: der Mann, den die Eigentümerfamilie geholt hatte, damit er das Werk rettete, und den die Zeitungen den Sanierer nannten, was je nach Blatt ein Titel war oder ein Urteil. Elfhundert Leute hatten bei Corzelius gearbeitet, ehe das Programm begann; die erste Tranche war im Sommer gelaufen. Zwischen Blankenheim und Mechernich gab es nicht viele Familien, die niemanden im Werk hatten oder gehabt hatten.

Den Sommer über war es laut geworden um das Werk, auf die Art, in der es im Kreis laut wurde: Leserbriefe, Transparente am Werkstor, im September zwei Kundgebungen auf dem Parkplatz, angemeldet, geordnet, mit Ordnern in Warnwesten. Auf den Transparenten hatte Gerlachs Name öfter gestanden als der Name der Firma. Caspers hatte ihn einmal aus der Nähe gesehen, im Juni, bei der Versammlung in der Aula in Kall. Er hatte auf jede Frage geantwortet, auch auf die, die keine Fragen waren, und war danach durch eine Seitentür gegangen. Auf dem Heimweg hatte Reuter gesagt, der Mann mache das nicht zum ersten Mal. Es hatte nicht wie Lob geklungen und nicht wie das Gegenteil.

Sie rief Reuter an. Die Leitstelle war schneller gewesen, er saß schon im Wagen.

„Walberhof“, sagte er. „Zehn Minuten.“

„Bestell Kriminaltechnik und Rechtsmedizin, und sag beiden, dass sie tragen müssen, was sie brauchen. Da oben fährt nichts.“

„Ich weiß. Ich bin den Weg mal gegangen, mit dem Löschzug, Gedenkwanderung.“ Eine Pause. „Gerlach. Ist das sicher?“

„Sicher ist der Fotograf“, sagte Caspers. „Ich bin es, wenn ich ihn gesehen habe.“

Hinter Herhahn lag Hochnebel über den Weiden, die Sonne stand dahinter als heller Fleck ohne Rand. An der Zufahrt zum Walberhof stand ein Streifenwagen; der junge Beamte daneben notierte ihr Kennzeichen und hob kurz die Hand. Auf dem Parkplatz dahinter: ein zweiter Streifenwagen, Reuters Kombi, ein kleiner Wagen mit einer leeren Kameratasche auf dem Sitz, ein Anhänger des Hofs. Vom Hof her roch es nach Silage, irgendwo lief ein Motor im Standgas. Und ganz am Ende, quer über zwei Stellplätze, wie man nur parkt, wenn man allein ist, ein dunkler Mittelklassewagen mit Bonner Kennzeichen. Caspers gab die Nummer an die Leitstelle durch und sah im Vorbeigehen hinein: eine Anzugjacke über dem Beifahrersitz, ein Ladekabel, sonst nichts.

Am Schlagbaum endete alles, was einen Motor hatte. Dahinter lief der asphaltierte Weg fast eben über die Hochfläche, in langen Geraden, gut anderthalb Kilometer bis ins Dorf. Reuter wartete dort, das Telefon noch in der Hand; er steckte es weg, und sie gingen. Der Nebel hob sich in Schüben, gab links den Waldrand frei und nahm ihn wieder, und außer ihren Schritten war nichts zu hören. Reuter ging neben ihr, einen halben Schritt versetzt, wie immer, wenn der Weg schmal wurde. Einmal fragte er, ob sie den Fotografen kenne. Sie kannte ihn nicht.

Das Dorf kam einem nicht entgegen. Es lag hinter einer Baumkante, und dann stand es auf einmal da: zwei Reihen fensterloser Fassaden, grau verputzt, Häuser, in denen nie jemand gewohnt hatte, weil sie zum Üben gebaut worden waren; das alte Trafohaus mit seinem steilen Dach; dazwischen Wiese, wo Höfe gestanden hatten. Und am Rand der Fläche, gegen den weißen Himmel, die Kirche St. Rochus mit ihrem neuen Dach.

Der Anfang des ersten Kapitels. Das Buch erscheint in Kürze. Bescheid bekommen, wenn es erscheint